Der LPG-Wirtschaftsweg
 

Wer kennt sie nicht, die typischen "Plattenwege", die speziell für die Transportzwecke der LPG angelegt wurden? Die im übrigen fachlich korrekt als "Wirtschaftsweg" bezeichneten Strassen wurden meist dort angelegt wo es nötig war längere Feldwege durch eine bessere Strasse zu ersetzten, um vor allem die Transportgeschwindigkeit zu erhöhen, denn auf einer besser ausgebauten Straße fährt es sich doch etwas besser und schneller als auf einem Feldweg. Die Entstehung der LPG-eigenen Strassen hat natürlich auch einen geschichtlichen Hintergrund.

Mit der ab 1952 in der DDR durchgeführten Kollektivierung der einzelbäuerlichen Betriebe hin zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) begann eine Entwicklung, die die bis dahin vorhandene Landschaft und Agrarstruktur vieler Orts veränderte und bis heute prägt. Um eine effizientere Bewirtschaftung der Felder durch den zunehmenden Maschineneinsatz zu ermöglichen mußten die Felder der verschiedenen Genossenschaftsmitglieder zusammengelegt werden. Dies wurde überwiegend durch die Beseitigung bestehender Wege und anderer störender Landschaftsstrukturen erfolgte. Die Eigentumsstruktur, welche im Grundbuch und Liegenschaftskataster nachgewiesen war, stand der Veränderung der Bewirtschaftungsflächen dabei nicht im Wege, weil das Gesetz über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG-Gesetz) den Genossenschaften vollumfängliche Nutzungsrechte an den in die LPG eingebrachten Grundstücken einräumte. Diese Rechte waren so weitreichend, dass selbst bauliche Anlagen, wie Wege, Silos oder Ställe ohne Berücksichtigung der Eigentumsstrukturen von den Genossenschaften errichtet werden konnten. Doch die Umstellung auf die großflächige Bewirtschaftung wirkte sich auch auf das existierende Wegenetz aus. Die Schaffung möglichst großer Schläge erforderte die Beseitigung so mancher Wege durch Umpflügen, was das Wegenetz deutlich ausdünnte. Deshalb legten sich zahlreichre LPG`en auch viele neue Wege und Strassen an, die sich zwar oft an den Bewirtschaftungs- nicht jedoch an den Eigentumsstrukturen orientierten.

Die gesamte Planung und Projektierung dieser Wege oblagen den jeweiligen VEB Meliorationsbau, kleinere Projekte konnte eine LPG aber auch in Eigenregie über ihre eigene Bauabteilung mit der zugehörigen Bau- und Meliorationsbrigade ausführen. In der Regel bestand diese aus 12 Mitarbeitern und ein Bau-Ingenieur als Leiter. Zudem gab es die Möglichkeit über den Rat des Kreises ein spezielles Projektierungsbüro für Bauten der Landwirtschaft kontaktieren und dort Projekte bestellen.

Bekannteste Bauform des Wirtschaftsweges ist sicher die aus einzelnen Beton-Platten aufgebaute Variante, deren Verwendung auf die Zeit der Ölkrise in den späten 1970er Jahren zurückgeht. Da in diese Zeit auch die Gründung zahlreicher Kooperativer Abteilung Pflanzenbau (KAP) fällt, wurde die Plattenwege gebräuchlich auch als "KAP-Straßen" bezeichnet.

welche wohl auch speziell bei den Modellbauern wegen ihrem einzigartig typischen DDR-Charakter sehr beliebt ist und deshalb hier mal näher vorgestellt werden soll. Dazu habe ich den mir nur zu gut vertrauten und von der einstigen LPG (P) Drebach genutzten Plattenweg einmal aufgesucht und für Euch unter die "Lupe" genommen.

 

 

Wirtschaftswege der LPG (P) "Am Greifenstein" Drebach


Quelle: http://maps.google.de/
 
Zum besseren Verständnis möchte ich quasi am "praktischen Beispiel" mal die Lage einiger Wirtschaftswege der LPG (P) Drebach vorstellen. Der hier beschriebene Plattenweg wurde erst Mitte der 1980er Jahre errichtet und zeigt deutlich wie wichtig die LPG-eigenen Wege waren, auch um die Bewohner des Ortes nicht mehr als nötig dem landwirtschaftlichen Verkehr auszusetzen. Der Bereich I (Drebach)  hatte somit ca. 40 % an Plattenstrassen, in anderen LPG sah es z.T. anders aus. Zum Vergleich: Die LPG (P) Flöha hatte bei insgesamt 42 km KAP-Strassen gerade 4 km in Platten-Bauweise.

DUNKELBRAUN
Dieser Weg ist ein Betonplattenweg und beginnt an der Ortsverbindungsstrasse S229 zwischen Drebach und Ehrenfriedersdorf. Er überquert die Herolder Strasse und verläuft nordwestlich an Drebach vorbei in Richtung Venusberg. Etwa auf halber Strecke geht ein Ast zum Stützpunkt hinein, ein weiterer kurz vor Venusberg zum Schweinestall.

BLAU
Der als "Lindenstrasse" bezeichnete Weg verlief von der Wolkensteiner Strasse südwestlich bis in Höhe des Dorf-Endes. Er war durchgehend geteert.

HELLBRAUN
Diese Wege waren noch nicht ausgebaut und somit reine Feldwege. Ein längerer Weg ging von der Lindenstrasse weiter bis zur Ehrenfriedersdorfer Höhe mit einem Abzweig zum großen neuen Rinderstall (2).

LPG-Anlagen
1. Stützpunkt mit Reparaturwerkstatt
2. Rinderstall mit Melkkarussell und Fahrsilo mit E-Krananlage
3. Kälberstall
4. Feldscheune mit Strohlager
5. Rinderstall und Durchfahrsilo
6. Bullenstall
7. Schweinestall

 

Allgemeiner Grundaufbau


Fahrbahn gerade (Lage lt. Karte Punkt: A)
 

Die Betonplatten haben eine Abmessung von: 1180 mm  Länge x 1100 mm Breite. Die Stärke konnte ich leider nicht vermessen, ist aber für den grundsätzlichen Modell-Nachbau hier sicher auch erstmal ohne Belange. Der Mitten-Abstand zwischen den seitlich verlegten Platten beträgt gemessene 90 cm. In der Literatur waren hier z.B. genau 1000 mm angegeben. Im vorliegenden Fall ergibt sich damit ein Spurabstand von 1900 mm, was ziemlich genau mit der Spurweite des W50 LA mit Niederduckbereifung übereinstimmt. Damit war auch reichlich Spielraum nach rechts und links vorhanden.

In die Platten waren zum Transport und der besseren Verlegung noch kleine Löcher mit eingegossenen Metalösen eingelassen, um mit einem Kran und entsprechendem Anschlagmittel die Platten vom Transportfahrzeug heben zu können. Ein Teil dieser Aussparung sowie die Metallöse sind an der rechts vorn liegenden Betonplatte noch zum Teil sichtbar.

Ausweichen, Abzweige und enge Kurven


Ausweichstelle (Lage lt. Karte Punkt: B)
 
Die LPG-Wirtschafswege waren üblicherweise nur 1-spurig angelegt. Um jedoch mit eventuellem Gegenverkehr kreuzen zu können wurden zahlreiche Ausweichstellen in das Wegesystem eingeplant. Diese waren waren Trapezförmig angelegt und relativ einfach aufgebaut. Als Grundvoraussetzung sollten diese mindestens der maximal hier verkehrenden Gespannlänge entsprechen. Die von mir hier vorgestellte Ausweichstelle hatte dazu in der Reihe A 28 und in der Reihe B 26 Betonlatten, was eine nutzbare Länge von 30,68 m ergibt. Zum Vergleich: ein ZT 303 mit 2 Anhängern vom Typ HW 80 hat eine Länge von rund 20 m. (ZT 303 > 4890 mm + 2x HW 80 > 7530 mm = 19.950 mm)

Kurve in Rechteckbauweise (Lage lt. Karte Punkt: C)
 
Nahezu rechtwinklig-verlaufende Kurven wurden in Dreieckform ausgebaut. An die ankommende Plattenstrasse wurden dazu im vorliegenden Fall weitere 3 Reihen Betonplatten angelegt. Die Anschlußreihe ist hier mit X gekennzeichnet und besteht aus 32 Platten. Die nächste Reihe hatte hier dann 30 und die 3. Reihe noch 28 Platten. Um ein gefahrloses Einfädeln zu ermöglichen waren die Zwischenräume der ankommenden Wege ebenfalls mit Betonplatten aufgefüllt.

Hier der Blick in Richtung Venusberg.


Kurve in Rechteckbauweise (Lage lt. Karte Punkt: C)
 
Die gleiche Kurve ankommend. Sehr gut ist der Dreieckförmige Ausbau erkennbar.

Kurve in Rechteckbauweise (Lage lt. Karte Punkt: C)
 
Ein letzter Blick in südliche Richtung, Fahrtrichtung Stützpunkt/Ehrenfriedersdorf. Mittig ist eine weitere später eingefügte Ausweichstelle erkennbar, diese wurde geteert. Als ich hier Ende der 1980er Jahre unterwegs war haben wir wenn möglich immer in der Kurve oder hinten am Waldausgang gekreuzt. Während man von hier aus gut sehen konnte mußte man von der anderen Richtung bei der Waldausfahrt immer etwas langsamer machen, um zu sehen ob Gegenverkehr kommt oder nicht.

Abzweig (Lage lt. Karte Punkt: D)
 
Hier noch ein Blick auf die Abzweigstelle am "Großen Teich", kurz vor Venusberg. Der rechte Abzweig führt nach Drebach zur "Persterstrasse" hinein, wo auch der Schweinestall war.

Die vorn mittig eingefügten Steine wurden wohl erst später mal nachträglich eingefügt.

Gut erkennbar ist hier auch der Versatz des 900 mm breiten ankommenden und abgehenden Weges. Zur besseren Überfahr und Erreichung einer vollständig-ausgefüllten "Dreieckform" sind die Platten hier direkt aneinandergelegt.

So, ich hoffe ich konnte Euch das Thema "Wirtschaftsweg" etwa näher bringen und denke vor allem die Modellbauer werden hier die eine oder andere Anregung zur Nachbildung gefunden haben.

Über weitere Hinweise und Ergänzungen würde ich mich freuen. Schreibt mir einfach eine Email.
 

Mail-Kontakt

zur Startseite